Mit einem tiefen Atemzug lege ich den Stift aus der Hand, schiebe das Blatt bis zum Winterfoto, das mich mit meiner kleinen Tochter im tiefen Schnee zeigt, und blicke durch das runde Fenster auf die rötliche Ebene hinaus. Es ist ein Brief an den Menschen, der mir am nahesten steht und doch in unfassbar großer Entfernung von hier lebt. Ich habe lange nach den richtigen Worten gesucht, um den Abschied bei allem Schmerz für sie erträglich zu machen. Sie weiß bereits, was ich vorhabe, und mir ist bewusst, wie schwer es ihr gefallen sein muss, meinen Entschluss zu akzeptieren.

Noch einmal denke ich daran zurück, wie wir hier gelandet waren, mit lachenden Gesichtern und voll überschäumender Euphorie. Unser Flug zum Roten Planeten vor vielen Jahren war eine grandiose Zeit. Die Erinnerung ist noch so lebendig wie am Tag der Ankunft. Es geschah im vollen Bewusstsein, dass es eine Reise ohne Rückkehr sein könnte. Und jeder wusste über die Entbehrungen Bescheid, die uns bevor standen.

"Doktor, kannst du eine Blinddarm-OP durchführen, wenn es unterwegs notwendig wird?", fragte ich damals mit einem herausfordernden Unterton unsere Ärztin. Katarina war unser jüngstes, gerade einmal 24 Jahre altes Crew-Mitglied und hatte Medizin, Agro-Biologie und sogar zwei Semester Lebensmittel-Technologie studiert. Sie war maßgeblich am Aufbau unserer Nahrungsmittelproduktion in der Plantage beteiligt, einem wunderbar grünen Ort mitten in einer Welt, in der es außer fahlem Sonnenlicht und totem Mars-Gestein nichts gab. Eine Mammutaufgabe, die 14 hungrigen Münder satt zu machen.
"Mit dir als Assistent kriegen wir das schon hin", antwortete sie.
"Du meinst das ernst!", entgegnete ich verdutzt.
"Natürlich, auch ein Ingenieur wie du kann das."

Wir hatten damals das Gefühl, alles zu können. Eine gewaltige Portion Optimismus war schon nötig, um sich auf Gedeih und Verderb in dieses Abenteuer zu stürzen. An diesem großartigen Ziel würden wir uns nicht die Zähne ausbeißen. Sollten die Herausforderungen doch kommen!

Widerspenstig war jedoch ein spezielles Problem: Die Rückreise zur Erde stand vorerst nicht auf der Agenda. Geplante Termine wurden immer wieder verschoben und schließlich ganz gestrichen. Konventionelle Raketentechnik wäre wohl technisch gesehen eine Option, jedoch für einen Rückflug unbezahlbar, hieß es erklärtermaßen. Geld ist nun einmal ein zentraler Aspekt dieses Unternehmens. Die eigens dafür gegründete Firma "Mars Matters, Inc." hatte das Geschäftsmodell entwickelt. Durch den Abbau von Erzen und Mineralien, die auf der Erde selten und teuer sind, werden die Kosten für den Transport von Mensch und Gerät zum Mars bezahlt. Das auf dem Mars gewonnene Rohmaterial wird gereinigt und dann zur Erde geschickt.

Für die Ärztin war der Materietransporter ein Mysterium. Und so fragte sie mich: "Carlos, warum können wir nicht einfach wie die Metall-Erze durch den Transporter reisen?"
Mediziner sehen in der Technik nur ein Mittel zum Zweck. Deshalb ersparte ich ihr die theoretischen Grundlagen und schilderte ihr einfach die zerstörerische Wirkung auf das Transportgut.
"Das Problem besteht darin", begann ich, "dass die Position der Moleküle nach dem Transport nicht mehr so ist wie vorher. Alle Strukturen zerfallen dabei vollständig. Wenn wir beispielsweise einen Kristall in den Transporter legen und abschicken, dann kommt im Empfänger auf der Erde ein Häufchen Staub an."
"Und biologisches Gewebe?", forschte sie weiter.
"Ein Mensch würde in Form einer übelriechenden Flüssigkeit mit Schaum ankommen. Sogar chemische Bindungen geraten dabei durcheinander. Wir haben das bereits mit einer Ratte probiert. Sehr unappetitlich."
Während mir der Ekel ins Gesicht geschrieben stand, konnte ich bei Katarina nichts dergleichen erkennen. Mit professionellem Ärztinnenblick musterte sie mich aufmerksam. Mediziner eben.

Die Missionsleitung hatte uns erklärt, man arbeite bereits an der Lösung dieses Problems. Schon bald würden Menschen damit wieder heil auf die Erde zurückkehren können. Das könnte sogar in beiden Richtungen funktionieren und konventionelle Weltraumraketen überflüssig machen. Die Kolonie würde dann einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung erleben. Unermesslicher Reichtum und Wohlstand würde den Kolonisten winken. Bis heute ist das Problem jedoch ungelöst. Wir haben seit zwei Jahren nichts mehr davon gehört. Zwischenzeitliche Anfragen unsererseits wurden nicht mehr beantwortet.

Unterdessen läuft die Produktion ausgesprochen gut. Terbium, Kupfer, Gold und Palladium werden in großen Mengen abgebaut. Auf der Erde erzielen diese Rohstoffe stattliche Verkaufserlöse. Dass die Erze dort als Pulver ankommen, ist für die Weiterverarbeitung durchaus von Vorteil.

Auf dem fernen Blauen Planeten gibt es nur noch eine letzte Person, der ich ganz und gar vertraue. Meine Tochter Celia. Sie arbeitet für die Missionsleitung als Psychologin und behält unser seelisches Gleichgewicht von der Erde aus im Auge. Von meiner Krebserkrankung hatte sie schon anhand der Stimmungslage in meinen E-Mails etwas bemerkt, noch bevor Katarina die Diagnose stellen konnte. Meinen oberflächlich zur Schau getragenen Gleichmut im Umgang mit der Krankheit durchschaute sie natürlich auch. Andererseits weiß ich als Vater ebenfalls immer, wie es ihr geht. Aus ihren Worten kann ich entnehmen, dass sie trotz der momentanen Verzweiflung nichts von ihrer Kämpfernatur eingebüßt hat. Nie können wir etwas voreinander verbergen. Meine Frau verließ mich, als die Teilnehmer des Marsflugs bestätigt worden waren, meine Tochter hingegen hielt zu mir. Dass sie Psychologie studierte, war zwar nicht meine Idee gewesen, aber heute kann ich sie darin nur bestärken.

Wir schreiben uns regelmäßig E-Mails, mindestens einmal pro Woche. Teure Mitteilungen per Videoaufzeichnung leisten wir uns nur selten. Ich bedauere zutiefst, dass sie nicht hier in der Kolonie ist. Jetzt, da es mit mir zu Ende geht. Aber ich selbst war es, der ihr das ausgeredet hatte. Es war eine Entscheidung der Unsicherheit. Niemand konnte eine realistische Einschätzung der auf uns zukommenden Risiken abgeben. Wir wussten nicht, wie lange der Spaß gut gehen würde. Noch bevor wir den Erdorbit erreichten, hätten wir alle sterben können. Aber hier sind wir nun. Seit elf Jahren siedeln wir auf genau dem Planeten, der seit Jahrzehnten die Träume der Weltraumenthusiasten beherrscht. Der Rote Planet war bereits das zu seinen Lebzeiten unerreichte Ziel Wernher von Brauns, hatte aber lange Zeit keine Priorität im ausufernden Streben der Weltmächte nach Erweiterung ihres Einflussbereiches. Erst als Chinas rasante Erfolge bei der Entwicklung seiner Weltraumtechnik die Befürchtung in der westlichen Welt aufkommen ließen, der Mars könne bald chinesisch werden, entbrannte ein neuer Wettlauf ins All.

Auch wenn die Bereitstellung von Mitteln für die Erschließung des Roten Planeten als verheißungsvolle Alternative für die überquellenden Städte auf der Erde und als ein Akt der Menschlichkeit dargestellt wurde, um Siedlungsraum für die gebeutelte Menschheit zu schaffen, war es stattdessen ein nachvollziehbarer, geopolitischer, oder besser gesagt, marspolitischer Schachzug. Und seit mir die Signifikanz dieses Kalküls bewusst geworden ist, nagt in mir ein fundamentales Misstrauen gegenüber der Missionsleitung. Sämtliche vom Mars zur Erde übertragenen Informationen, welche die Erdbevölkerung mit Neuigkeiten von der Marskolonie versorgen, werden über separate Kommunikationskanäle der Missionsleitung transportiert. Und auch in umgekehrter Richtung laufen alle Mails, Nachrichten und sonstige Daten über den gleichen Weg. Uns wurde natürlich versichert, dass der gesamte Datenverkehr ungefiltert und unverändert weitergeleitet werden würde. Aber mir war von Anfang an klar, dass es sich dabei um ein Versprechen handelte, welches wir im Zweifel nicht einklagen konnten.

Meine auf der Erde zurückgebliebenen Freunde hielten mich für paranoid, als ich ihnen einen Geheimcode vorschlug, mit dem wir uns der Überwachung durch die Missionsleitung entziehen konnten. Nur für den Fall, dass uns etwas komisch vorkommen sollte. Einige von uns hatten noch den Film "Unternehmen Capricorn" im Gedächtnis. Ich wollte jedenfalls trotz des Kopfschüttelns, das man mir entgegenbrachte, vorbereitet sein. Nur für den Fall.
"Vielleicht solltest du ihnen einfach mal vertrauen. Du brauchst sie, und sie brauchen dich. Ihr seid doch voneinander abhängig", kam der gut gemeinte Rat.
"Mir ist es einfach unheimlich", gestand ich, "denen zu 100 Prozent ausgeliefert zu sein. Ich fühle mich dann so ... so nackt. Könnt ihr das verstehen?"
"Was hast du denn zu verbergen, wofür sich so ein Aufriss lohnt, Carlos? Vielleicht deinen Allerwertesten?"
"Gar nichts hab ich zu verbergen", antwortete ich gereizt. "Aber die Klotür mache ich trotzdem immer zu."
Nun ja, da sie nicht selbst betroffen waren, konnten sie das ganze wohl mit einer gewissen Belustigung betrachten, und ich mochte es ihnen trotz meines Unbehagens nicht verübeln. Die einzige, die schließlich meine Sorgen ernst zu nehmen begann, war mein Tochter. Sie ist seitdem mein zuverlässiger Draht zur fernen Heimat.

Wir beide beschlossen also, verschlüsselt miteinander zu kommunizieren, sobald ich auf dem Mars ankommen würde. Und damit erst gar kein Verdacht aufkam, sollte es eine Art "Verdeckter Text" in unseren E-Mails sein. Mir war daran gelegen, dass die Ver- und Entschlüsselung auch ohne Computerunterstützung durchführbar ist. Ich hatte zwar einen Computer zur Verfügung, aber vermutlich wurde dieser per Fernwartungssoftware überwacht. Keiner von uns war auch nur andeutungsweise in der Lage, das wirklich zu beurteilen.

Und dann ist da noch das Brain Interface, das jeder von uns im Kopf hat. Ein Implantat am auditiven und visuellen Cortex erlaubt uns, Filme zu sehen, Musik zu hören und Bücher zu lesen. Außerdem dient es als eine Art Flugdatenschreiber, wie uns erklärt wurde. Alles, was unsere Ohren und Augen wahrnehmen, wird permanent aufgezeichnet und zur Erde übertragen. Dort kann es von der Missionsleitung analysiert werden. Es diene dazu, so hatte man es uns erklärt, bei komplizierten Aufgaben helfen zu können, für die wir nicht das nötige Spezialwissen besaßen. Trotz Zeitverzögerung, welche vom jeweiligen Abstand zwischen Mars und Erde abhing, würden aufschlussreiche Details sichtbar. Auch im Falle eines Sabotageaktes durch eine "psychologisch instabile Einzelperson" könne mittels Intervention der Missionsleitung das Schlimmste verhindert werden. Was ist eigentlich das Schlimmste?

